Editorial

»I’m on the same page«

stand auf dem Aufkleber, der mir auf der Frankfurter Buchmesse kommentarlos zugesteckt wurde. Warben hier ein Literaturkreis oder ein Buchclub für gemeinsame Lektüre? Später löste sich das Rätsel: Es ging um die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte«, die im Dezember vor 70 Jahren von den Vereinten Nationen verabschiedet und jetzt zum Jubiläum gemeinsam von Amnesty International, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Frankfurter Buchmesse promotet wurde. Allerdings ging diese Aktion im allgemeinen Messetrubel und der inflationären Preisvergabe ebenso unter wie die Auszeichnung von Maryse Condé mit dem alternativen Literatur-Nobelpreis – deutsche Übersetzungen ihrer Werke liegen allerdings Jahrzehnte zurück.

Beide Beispiele verdeutlichen die aktuelle Situation von Literatur und Welt, die sich durch eine irritierende Unübersichtlichkeit auszeichnet. Dagegen erscheint sogar der chaotische Zustand des bundesdeutschen Bahnverkehrs beinahe klar.

Bleiben wir beim Buchmarkt und der Literaturszene. Der Deutsche Buchpreis an Inger-Maria Mahlke und der Hotlist-Preis an den Elfenbein-Verlag für einen fast vergessenen Marcel Schwob wurden gefeiert, ebenso die Verleihung des überaus verdienten Friedenspreises an Aleida und Jan Assmann.

Wie immer gab es Tausende von Neuerscheinungen und Hunderte von sich darstellenden SchriftstellerInnen und Georgien mit seinem Auftritt und Reden und Empfänge und Anstoßen auf große oder kleine Erfolge. Doch die einfache Frage »Und, wie war die Messe?« ließ sich weniger denn je beantworten. Ja, es gab schöne Begegnungen und Entdeckungen. Aber: Wir haben eine Reihe uns teurer Verlage und Menschen vermisst.

Was die Menschenrechte betrifft: Bei der Aktion »Vielfalt« in Stuttgart sind wir natürlich dabei, über Freiheit und Gleichheit geht gar nichts. Ansonsten schauen wir mal skeptisch, mal optimistisch in die Zukunft, zunächst in einen literaturfreudigen Spätherbst mit lesenswerten Büchern, einer Fülle von Veranstaltungen und unserem Jubiläum

Ihre Irene Ferchl mit dem Team

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