Editorial

Einen Appell an den Anstand

und die Menschlichkeit hat William Shakespeare vor über 400 Jahren formuliert, in der 6. Szene eines Theaterstücks Sir Thomas Morus. Der Humanist, Philosoph und Politiker versucht darin einen gewalttätigen Aufstand der Londoner Bevölkerung gegen die Fremden und Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich zu beruhigen. Bedeutsam ist der Text aus zweierlei Gründen: als (neben wenigen Unterschriften) einziges authentisches Zeugnis von Shakespeares Hand und als ein Dokument von erschütternder Aktualität.

Veröffentlicht wurde diese Szene nun als schmales Bändchen in Übersetzung und mit einem differenzierten Kommentar von Frank Günther sowie einem Vorwort von Heribert Prantl unter dem Titel Die Fremden. Für mehr Mitgefühl (beim Deutschen Taschenbuch Verlag für 6 Euro). Shakespeare legt seinem Thomas Morus Argumente in den Mund, die die »Citizens« als einfachste praktische Ethik überzeugen: »Let’s do as we may be done by« oder: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.« Dies sollte eigentlich jedem Menschen einleuchten – warum nicht auch dem angeblich nur noch emotional reagierenden des »postfaktischen Zeitalters« …
Morus schafft es jedenfalls, die aufgebrachten Bürger mit der »Goldenen Regel« umzustimmen, nämlich so zu handeln, wie sie ihrerseits behandelt werden wollen, im Fall, dass sie selbst Flüchtlinge wären.

Wir gehen mit diesem 139. Literaturblatt in den 24. Jahrgang, erhoffen uns auch weiterhin Ihr Interesse und Wohlwollen, wünschen Ihnen allen ein gesundes, glückliches und vor allem friedliches Neues Jahr mit Zeit und Muße für Lektüre und bleibenden Begegnungen mit Büchern und Menschen.

Ihre Irene Ferchl mit dem Literaturblatt-Team

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