Editorial

Bücher von Schriftstellerinnen,

genauer: von Frauen verfasste Romane, werden häufig als für Frauen geschrieben wahrgenommen. Besonders dann, wenn sie von weiblichen Lebensläufen handeln wie die Werke von Jane Austen (written »By a Lady«). Aber auch Anna Karenina, Madame Bovary und Effi Briest gelten als klassische Lektüre für Leserinnen, im Unterschied zu Simplicius Simplicissimus, Wilhelm Meister, Ulysses oder Doktor Faustus. Das lesen alle, Frauen wie Männer. Wobei Erstere nicht nur insgesamt mehr Belletristik lesen, sondern sich auch leichter in alle Figuren hineinversetzen können und  offensichtlich kein Problem damit haben, sich mit männlichen Helden zu identifizieren.

Autorinnen von Virginia Woolf bis Ruth Klüger haben sich Gedanken darüber gemacht, was und wie Frauen schreiben und lesen, wie sich ein anderes Leben auch literarisch niederschlägt und was ein anderer Blick wahrnimmt. Die feministische Literaturkritik hat das Thema weibliche Ästhetik einst schon in allen Facetten diskutiert.

Inzwischen wird auf der einen Seite – in den Marketingabteilungen – weibliche Ästhetik gern mit rosa Blümchenmuster verwechselt, auf der anderen Seite nachgezählt, dass Bücher von Autorinnen weniger renommierte Auszeichnungen und Rezensionen in den Medien erhalten. Nina George hat sich den Literaturbetrieb daraufhin intensiv angeschaut und Statistiken dazu veröffentlicht, die nicht gerade fröhlich stimmen.

Filmemacherinnen und bildende Künstlerinnen haben sich in letzter Zeit des Problems in ihrem jeweiligen Metier angenommen und selbst in der Arbeitswelt ist die Quote kein Tabu mehr. Es wäre an der Zeit, dass sich vermehrt Schriftstellerinnen zu ihrer öffentlichen Wahrnehmung äußern – gern mit Witz und Humor. Den kann man sich zum Beispiel bei Jane Austen abgucken und sollte sich nicht von der Gestalt im zartfarbig-romantischen Gewand täuschen lassen: Sobald sie sich umwendet, überraschen ihre scharfe Zunge und ihr unbestechlicher Blick …

Wir wünschen einen schönen Lesesommer!

Irene Ferchl

Nach oben

PDF-Datei

4_2017_Editorial.pdf

Editorial als PDF-Datei zum Download

1.1 M